Was bringt die Menschen, die sich fotografieren lassen, immer auf den Gedanken, glücklich aussehen zu wollen auf den Fotografien, die sie zeigen, jedenfalls nicht so unglücklich wie sie
sind?....Jeder will als ein glücklicher Mensch abgebildet sein, niemals als ein unglücklicher, immer als ein total verfälschter, niemals als der, der er in Wirklichkeit ist, nämlich immer der
unglücklichste von allen.... Sie flüchten hinein in die Fotografie , schrumpfen mutwillig auf die Fotografie zusammen, die sie in totaler Verfälschung als glücklich und schön oder mindestens als
weniger häßlich und weniger unglücklich zeigt, als sie sind. Sie fordern von der Fotografie ihr Wunsch- und Idealbild, und es ist ihnen jedes Mittel und sei es die grauenhafteste Verzerrung, recht,
dieses Wunschbild und dieses Idealbild auf einem Foto herzustellen.
Die menschliche Kommunikation ist ein Kunstgrifff, dessen Absicht es ist, uns die brutale Sinnlosigkeit eines zum Tode verurteilten Lebens vergessen zu lassen. Von 'Natur' aus ist der Mensch ein
einsames Tier, denn er weiß, daß er sterben wird und daß in der Stunde des Todes keine wie immer geartete Gemeinschaft gilt: Jeder muß für sich allein sterben. Und potentiell ist jede Stunde die
Stunde des Todes. Selbstredend kann man mit so einem Wissen um die grundlegende Einsamkeit und Sinnlosigkeit nicht leben. Die menschliche Kommunikation webt einen Schleier der kodifizierten Welt,
einen Schleier aus Kunst und Wissenschaft, Philosophie und Religion um uns und webt ihn immer dichter, damit wir unsere eigene Einsamkeit und unseren Tod, und auch den Tod derer, die wir lieben,
vergessen. Kurz, der Mensch kommuniziert mit anderen, ist ein 'politisches Tier', nicht weil er ein geselliges Tier ist, sondern weil er ein einsames Tier ist, welches unfähig ist, in Einsamkeit zu
leben.
Villem Flusser, "Kommunikologie"
Die von der Fotokritik an die Fotografie zu stellende Frage lautet demnach: Inwieweit ist es dem Fotografen gelungen, das Apparatprogramm seiner Absicht zu unterwerfen, und dank welcher Methode? Auf
der Grundlage dieses Kriteriums ist jene Fotografie die 'beste', bei welcher der Fotograf das Apparatprogramm im Sinn seiner menschlichen Absicht besiegt, das heißt den Apparat der menschlichen
Absicht unterworfen hat. Selbstredend gibt es solche 'guten' Fotografien, in denen der menschliche Geist über das Programm siegt. Aber im Fotouniversum als Ganzem kann man erkennen, wie es den
Programmen jetzt immer besser gelingt, menschliche Absichten auf Apparatfunktionen umzuleiten.
Literaturquellen:
Villem Flusser: "Für eine Philosophie der Fotografie" , European Photography, 1983
Hubertus v. Amelunxen "Theorie der Fotografie IV 1980-1995" , Schirmer/ Mosel, 2000
Roland Barthes "Die helle Kammer" , Suhrkamp, 1989
Susan Sonntag "Über Fotografie", Fischer 1980
Thomas Bernhard "Auslöschung, Ein Zerfall" Suhrkamp 1986

